Skulpturprojekte 2017 – Führung für Menschen mit Behinderungen

Ist das Kunst, oder kann das weg? Diese berühmte Frage stellten sich fünf Mitglieder des Werkstattrates und zwei weitere Beschäftigte der Westfalenfleiß GmbH anlässlich der Betrachtung des Kunstwerkes "Tender, Tender" von Michael Dean im Lichthof des LWL-Museums für Kunst und Kultur. Überall liegen Betonplatten, Zementreste, Luftballons, Seiten aus Büchern, zerdrückte Getränkedosen und Bänder auf dem Boden verstreut. Einige Metall- und Betonstäbe ragen in die Luft. „Hier sieht es aus, wie auf einer Müllhalde“, beschreibt Werkstattratsmitglied Petra Hehn die Inszenierung. Gleichzeitig stellt sie aber auch fest: „Wenn es sich hier im Museum befindet, ist es wohl Kunst.“

Diesen Satz greift Mario Schröer vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gerne auf: "An dieser Stelle sehen wir, dass wir über die Kunst in ein Gespräch kommen, selbst wenn wir das Kunstwerk vielleicht nicht verstehen oder sehen". Mario Schröer hat gemeinsam mit anderen Mitarbeitern des LWL kostengünstige Rundgänge für Menschen mit Behinderungen durch die Ausstellung Skulptur Projekte 2017 konzeptioniert. Vier verschiedene Touren richten sich bis zum 1. Oktober insbesondere an Gruppen von Menschen mit Geh-, Hör- und Sehbehinderung sowie an Menschen mit seelischer oder geistiger Behinderung. Beim Hören oder Ertasten der Kunstwerke sollen sich alle Besucher ihren eigenen Zugang zur Kunst verschaffen. Besonders geschulte Kräfte begleiten die zweistündigen Kunst-Erkundungen.

In diesem Rahmen hatte der Landschaftsverband die Beschäftigten der Westfalenfleiß GmbH eingeladen. Sie sollten testen, ob das Konzept gelungen ist. So wurden einige Skulpturen rund um das LWL-Museum in Leichter Sprache erklärt. Auch gab es die Gelegenheit, die Kunstwerke mit den Händen zu ertasten. Teilnehmerin Annemarie Drerup gefiel das gut. Sie ist blind und hat im Regelfall nicht so einfach die Möglichkeit, Kunst im öffentlichen Raum zu erleben.

Bei der Skulptur „Peles Empire“ der Künstlerinnen Katharina Stöver und Barbara Wolff folgt Annemarie Drerup gerne der Aufforderung der LWL-Kunstvermittlerin Stephanie Sczepanek, das Werk von außen und von innen ausgiebig mit den Händen zu erforschen. Die Skulptur stellt eine acht Meter hohe Fassade in Form der Giebelhäuser am Prinzipalmarkt dar. Aufgedruckt sind Teile eines durch Balken gestützten Schlosses und eines Brunnens. Immer wieder ermuntert die Kunstvermittlerin die Teilnehmer dazu, Fragen zu stellen und zu äußern, was sie sehen und fühlen. „Die Fassade fühlt sich ganz glatt an, wie Kacheln, das ist angenehm“, stellt Annemarie Drerup fest.

Die nächste Station des Rundganges führt die Gruppe in die Disco "Elephant Lounge" am Roggenmarkt. Dort hat das in Brasilien lebende Künstlerduo Bárbara Wagner und Benjamin de Burca das Kunstwerk "Bye, bye Deutschland. Eine Lebensmelodie" installiert. Auf einem großen Bildschirm mitten im Raum sind Musikvideos mit gecoverten Liedern von Udo Jürgens und Helene Fischer zu sehen. „In dem Film geht es um Schlager und um das Tanzen. Tanzen ist Leben, Tanzen ist Energie“, erklärt Stephanie Sczepanek. „Wer von Ihnen hört gerne Schlager?“, fragt sie in die Runde. Teilnehmer Michael Angly bejaht diese Frage: „Ich liebe Schlager, da fängt man automatisch an zu tanzen.“

Und so sind alle wieder mitten im Gespräch. Und genau das sei in der ganzen Ausstellung bei allen Skulpturen ausdrücklich gewollt, unterstreicht Mario Schröer. Beim anschließenden gemeinsamen Mittagessen im Restaurant „Lux“ des LWL-Museums resümiert Teilnehmerin Petra Hehn: „Ich verstehe nicht alles, aber wenn man alles versteht, wird Kunst langweilig. Man sieht wahrscheinlich bei jedem Besuch neue Aspekte. Das bleibt dann spannend. Ich sehe mir die Kunstwerke auf jeden Fall noch einmal an.“

Und Werkstattratsvorsitzender Frank Szypior nutzte die Gelegenheit, sich ausdrücklich bei der Organisatorin der Tour, LWL-Mitarbeiterin Andrea Volmering, zu bedanken: „Für uns Menschen mit Behinderungen ist es häufig schwierig, Kunstausstellungen zu besuchen. Wir treffen dabei auf viele Hindernisse. Mit Ihrem Rundgang machen Sie es uns möglich, die Skulpturprojekte angemessen zu erkunden. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken.“ - Der Test ist also bestanden!

Nähere Infos zu den Rundgängen für Menschen mit Behinderungen finden Sie unter: www.lwl-sp17.de

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