Ein Abschied mit Wehmut

1987, als noch kein Mensch von Inklusion sprach, machten sich einige Frauen aus der evangelischen Friedensgemeinde in Gremmendorf auf den Weg, um einfach nur das umzusetzen, worüber es heute zahlreiche Konzepte und wissen­schaft­liche Unter­suchungen gibt. Sie engagierten sich in ihrer Gemeinde für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Und sie nannten sich die Gruppe `Miteinander´. Sie organisierten und begleiteten rund acht Mal im Jahr Ausflüge zusammen mit Menschen mit Behinderung aus den Westfalenfleiß-Wohnstätten, gingen mit ihnen Schwimmen oder Kegeln, besuchten Museen, veranstalten inklusive Gottesdienste und unternahmen gemeinsame Wochenendfahrten. Nun, nach 30 Jahren unermüdlichen Engagements, werden die Frauen ihre Tätigkeit beenden.

„Wir sind alle älter geworden, es gibt inzwischen viele Rollstuhlfahrer in der Gruppe und wir schaffen es kräftemäßig nicht mehr, gemeinsame Ausflüge zu unternehmen. Und schließlich soll man aufhören, wenn es noch schön ist“, erklärt Marianne Schmidt, die zusammen mit Barbara Hak den Kreis „Miteinander“ initiiert hatte, die Gründe für die Auflösung der Gruppe. Und gleichzeitig denkt sie gerne an die Anfänge zurück. Damals, 1987, seien sie eine Gruppe von Frauen Mitte 30 gewesen, die sich schon seit einiger Zeit regelmäßig morgens in der Kirchengemeinde traf. Als dann einige von ihnen nach der Familienphase  wieder zurück in den Beruf gingen, haben die anderen Frauen überlegt, sich für etwas Sinnvolles zu engagieren. Sie kamen auf die Begleitung von Menschen mit Behinderung, „weil dieser Personenkreis damals noch keine Lobby hatte und eher isoliert war.“

Nach anfänglichen Berührungsängsten – keine von den Frauen hatte zuvor Kontakt zu Menschen mit Behinderung gehabt – seien die Beziehungen untereinander immer lockerer und vertrauter geworden. „Spätestens nach unserer ersten Wochenendfahrt in ein Selbstverpflegungshaus in Havixbeck, sind wir uns durch die Unternehmungen vor Ort, das Zubereiten der Mahlzeiten und die gemeinsamen Nächte schnell näher gekommen“, erinnert sich Marianne Schmidt. „Und auf einmal waren wir alle nur Menschen, die sich auf absoluter Augenhöhe begegnet sind.“

Die Begegnung auf Augenhöhe hob auch Westfalenfleiß-Geschäftsführerin, Gerda Fockenbrock, in ihrer Abschiedsrede an die Gruppe `Miteinander´ besonders hervor:

„In Zeiten, in denen das Wort `Inklusion´ noch nicht im Sprachgebrauch war, haben Sie Inklusion vorgelebt, wie sie schöner nicht sein kann. Und das über so viele Jahre. Ihnen war das Zusammensein der Menschen wichtig. Sie haben damals echte Pionierarbeit geleistet.“ Auch Hartmut Hawerkamp, Pfarrer der evangelischen Friedensgemeinde, sprach sie ihren Dank aus. Er habe die Gruppe über viele Jahre begleitet und mit ihnen gemeinsam zahlreiche wundervolle Gottesdienste gestaltet.

Um sich bei den Frauen und Pfarrer Hawerkamp für die langjährige Unterstützung zu bedanken, lud die Westfalenfleiß GmbH sie und die Menschen mit Behinderung des „Miteinander-Kreises“ zu einer Abschiedsfeier mit einem leckeren Mittagessen in das Haus Gremmendorf ein. Die Tische waren festlich geschmückt und mit vielen roten Herzen dekoriert. Zwei ineinander verschränkte  rote Herzen hatte sich nämlich die Gruppe als Symbol ihrer Verbundenheit ausgesucht und für jedes Mitglied eine Kette mit diesem Zeichen fertigen lassen. „Das ist eine schöne Erinnerung“, freut sich Monika Krieger, Nutzerin des Westfalenfleiß-Fachdienstes `Ambulant Unterstütztes Wohnen´, die von Beginn an die gemeinsamen Aktivitäten genossen hat. „Wir hatten sehr viel Spaß miteinander und wir sind auch ein wenig traurig, dass es jetzt zu Ende ist“, stellt sie wehmütig fest.

Ganz zu Ende wird es jedoch nicht wirklich sein. „Wir werden weiterhin einen lockeren Kontakt zu den Bewohnern halten und sicherlich auch den ein oder anderen Geburtstagsbesuch machen“, ist sich Marianne Schmidt sicher. „Außerdem treffen wir uns ja auch immer wieder zufällig hier in unserem Wohnviertel.“ So klang denn auch die Abschiedsfeier trotz aller Wehmut mit gegenseitigen Dankes- und Wertschätzungsbekundungen sowie munterem Geplauder fröhlich aus – eben `Miteinander´!

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